Leseprobe gefällig?

Tauche ein in Arias Welt.

In einer Welt, in der Magie für Frauen den Tod bedeutet und ein einziger Zauber genügt, um zur Gejagten zu werden.

Hier beginnt die Geschichte einer Flucht und Entscheidung, die ein ganzes Reich verändern könnte.

Das Erbe der Navir

Wie scharfe Klingen durchbrachen die Schreie die Stille des frühen Nachmittags. Ich rannte barfuß über die staubigen Straßen, mein Herz hämmerte in meiner Brust, als würde es jeden Moment zerspringen. Der Platz vor mir lag im Chaos: königliche Wachen in glänzenden Rüstungen marschierten durch die engen Gassen, traten Türen ein und zerrten Menschen auf die Straße. Das Klirren von Schwertern, das Splittern von Holz, alles übertönte die verzweifelten Rufe meiner Nachbarn.

Lavensbruch war klein. Nur eine Handvoll strohgedeckter Häuser, die sich an sanfte Hügel schmiegten. Umgeben von Weizenfeldern, die einst golden leuchteten. Doch nun waren sie trocken, ausgezehrt von der gnadenlosen Sonne. Die alte Mühle, die wie ein stummer Wächter über das Dorf wachte, stand still. Ihre Flügel bewegten sich seit Monaten nicht mehr. Kein einziges Korn war auf den Feldern geerntet worden.

Ich kannte jede Ecke dieses Dorfes, kannte die Kinder, die jetzt weinend an den Händen ihrer Mütter hingen und die alten Männer, die zu schwach waren, um sich zu wehren. Hier war ich aufgewachsen, zwischen uralten Bäumen, staubigen Wegen und langen Sommertagen auf dem Feld. Und ich wusste: Es gab keinen Ausweg. Nicht für Lavensbruch. Nicht diesmal.

„Dreifache Steuern!” Die donnernde Stimme eines Soldaten hallte über den Platz. „Das ist ein königlicher Befehl!”

Ich duckte mich in den Schatten eines umgestürzten Wagens, meine Finger krallten sich um ein loses Holzbrett. Mein Atem ging stoßweise, doch ich versuchte mich zur Ruhe zu zwingen.

Aber wie konnte ich ruhig bleiben, wenn ich das alles sah? Ich presste mich tiefer in den Schatten des Wagens, der Staub klebte an meiner Haut und meine Gedanken waren ein einziges Wirrwarr. Überall um mich herum – Stimmen, Schreie, das Scheppern von Metall. Doch ich suchte nur nach einem Gesicht.

Mama. Wo bist du?

Mein Blick schweifte über den kleinen Platz, über all die Menschen, die am Boden knieten, über Frauen, die an den Armen gepackt und fort geschleppt wurden. Die Weberhütte, dort, wo der Leinenstoff normalerweise zum Trocknen hing, stand offen. Es gab kein Zeichen von ihr. Kein rotes Tuch um ihre Schultern. Keine Gestalt mit dem vertrauten gebeugten Rücken über dem Spinnrad. Ich presste die Lippen aufeinander. Wenn sie mich sehen würde… wenn sie wüsste, dass ich hier war… sie würde durchdrehen.

Dieser ganze Tumult war einfach zu viel, ein bekanntes Gefühl in mir begann sich zu regen. Ein Kribbeln. Zuerst nur an den Fingerspitzen. Dann ein Ziehen, ein heißes Pulsieren in meiner Brust. Wie ein Funken, der auf trockenes Gras fällt. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Bitte, bitte nicht jetzt! Das Kribbeln kroch weiter, wie kleine Stromschläge unter meiner Haut.

Nicht jetzt! Ich wusste, was es war. Die Magie. Ich spürte sie oft, nur nicht so deutlich. Manchmal geschah es beim Nähen, wenn der Faden sich fast wie von selbst durch das Gewebe zog. Oder wenn ich Dinge wusste, bevor sie jemand aussprach. Doch heute… heute war es anders. Heute drängte sie sich in den Vordergrund. Wie ein Herzschlag unter der Haut. Ich schluckte schwer.

„Du darfst sie niemandem zeigen. Nie, hörst du?“ Mamas Stimme hallte eindringlich in meinem Kopf. Die Worte, die sie mir zugeflüstert hatte, als sie mir zum ersten Mal die Wahrheit gesagt hatte. Dass ich anders bin. Dass es gefährlich ist. Dass die Leute keine Wunder sehen, sondern nur eine Bedrohung.

„Nicht vor Fremden. Nicht vor denen, die dich nicht kennen. Und niemals, wenn du wütend bist.“

Damals hatte ich genickt. Es war nur ein Versprechen eines Kindes gewesen. Aber jetzt, in diesem Moment, spürte ich das Gewicht dieser Worte wie Fesseln um meine Handgelenke. Ich ließ den Kopf gegen das Wagenrad sinken. Atmete langsam. Zählte jeden Schlag meines Herzens.

Eins.

Zwei.

Drei.

Ich musste sie finden. Mama. Bevor… bevor etwas passierte. Ich presste die Stirn gegen das Holz des Wagens, aber das Zittern in meinen Händen hörte nicht auf. Mein Blick glitt weiter über den Platz – erst ziellos, dann plötzlich festgefroren. Luka, ein kleiner Junge, er war nicht älter als sieben, klammerte sich an das Bein seines Vaters. Der Mann kniete im Staub, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, das Gesicht verschmiert mit Dreck und Blut. Die Wache über ihm brüllte irgendetwas, doch ich verstand die Worte nicht. Alles verschwamm zu einem einzigen grollenden Ton.

„Lasst ihn in Ruhe!“ Der Vater schrie mit brüchiger Stimme. Doch die Soldaten zeigten kein Erbarmen. Die Faust eines Wachmannes zuckte nur eine einzige Sekunde lang, bevor sie das Gesicht des Mannes mit brutaler Wucht traf. Ich zuckte zusammen. Der Mann fiel vorn über, sein Körper schlug hart auf den Boden. Luka schrie auf, klammerte sich fester an ihn, seine kleinen Hände zitterten. Und da passierte es. Ich sah sie. Am Rand des Platzes, zwischen zwei Wachen, die sie wie einen wertlosen Sack Kartoffeln festhielten – Mama.

„Nein…“ Das Wort kam kaum über meine Lippen. Ihr Haar war zerzaust, der rote Schal, den sie morgens getragen hatte, hing lose über ihrem Arm. Ihr Kleid war zerrissen, ein Ärmel halb abgerissen, und ihre Hände – ihre Hände waren gebunden. Als eine der Wachen sie vor sich herschob, stolperte sie und fiel auf die Knie.

„Mama!“ Mein Flüstern war ein Aufschrei in mir selbst. Der Soldat hinter ihr trat einen Schritt näher, packte sie am Oberarm und riss sie brutal wieder auf die Beine. Dann hob er seinen Helm an und wischte sich über die Stirn. Das Gesicht darunter war verschwommen vor Wut, oder Gleichgültigkeit. Ich wusste es nicht. Es war egal, denn in diesem Moment zählte nur sie. Er schleifte sie weiter, achtlos wie ein Stück Stoff. Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten. Sie sagte meinen Namen. Ganz leise. Ohne Stimme. Etwas in mir zersprang. Ich stand auf, noch ehe mein Verstand begriff, was ich tat. Mein Herz raste, doch meine Schritte waren fest wie nie zuvor.

„Hört auf!“ Meine zitternde Stimme schnitt einen Moment lang durch den Lärm wie ein Messer. Köpfe drehten sich. Die Soldaten. Die Dorfbewohner. Auch Mama, doch in ihrem Blick lag nur Panik, flehende, angsteinflößende Panik.

„Aria, NEIN!“ rief sie. „Lauf! Bitte, lauf!“

Aber ich konnte nicht. Ich war längst nicht mehr nur ich selbst. Etwas anderes war in mir erwacht, größer, älter, heißer als alles, was ich je gespürt hatte.

„Ihr habt genug genommen!“ schrie ich, während meine Hände bebten. „Dieses Dorf hat nichts mehr zu geben! Lasst sie los!“

Der Hauptmann trat vor. Seine Rüstung wie aus schwarzem Glas. Er zog sein Schwert und schien diesen verzweifelten Augenblick regelrecht zu genießen.

„Oder was, kleines Mädchen?“

Meine Finger kribbelten. Meine Brust brannte. Die Welt zog sich zusammen, wurde eng um mich herum. Ich erinnerte mich an Mamas Worte.

„Du darfst sie nie benutzen, wenn du wütend bist.“

Aber ich war nicht nur wütend. Ich hatte Angst. Ich spürte Schuld. Ich wollte sie retten. Das Kribbeln wurde zur Hitze. Die Hitze wurde zum Sturm.

„Bleib stehen“, sagte ich, oder etwas in mir sagte es. Die Stimme war tiefer, als ich sie kannte. Ohne auch nur eine weitere Sekunde zu verschwenden, hob ich meine Hände. Augenblicklich wirbelte der Staub um uns herum auf. Es schien als würde sogar der Boden selbst vibrieren. Dann ertönte ein Knall. Unsichtbar und doch so gewaltig. Der Hauptmann wurde durch die Luft geschleudert, wie ein Blatt im Sturm. Seine Klinge flog davon und landete klirrend auf dem Pflaster. Die anderen Wachen taumelten zurück, einige fielen, und der Staub schlug wie eine Welle über sie hinweg. Dann folgte einen winzigen Atemzug lang Stille.

„Magie“, zischte einer der Soldaten. „Sie ist eine Hexe…!“

Die Worte waren erfüllt von Ekel und einem Hass, den man beinahe auf der eigenen Zunge schmecken konnte. Dennoch strichen sie einfach an mir vorbei. Meine Knie gaben beinahe nach und ich sah zu meiner Mama. Tränen liefen ihr über das Gesicht und ich erkannte den Schmerz, der sich in ihren Augen widerspiegelte. Tiefer, unbegrenzter Schmerz.

„Mama… ich–“

Doch es war zu spät. Die Wachen hatten sich gesammelt. Schwerter wurden gezogen.

„PACKT SIE!“ Der Befehl war wie ein Donnerschlag. Ohne zu zögern rannte ich los, meine Füße schlugen auf den heißen Staub. Die Stimmen hinter mir waren wie Peitschenhiebe in der Luft – Befehle, Schritte, das metallene Klirren von Rüstungen. Ich hörte sie näher kommen, immer näher.

„Da! Da läuft sie!“

Ich bog in eine enge Gasse, stolperte fast, riss mir die Schulter an einem Holzbalken auf, aber ich lief weiter. Alles in mir schrie nur: WEG! WEITER! LAUF!

Hinter mir herrschte Chaos. Keuchen. Rufe. Ich war schnell, ja, aber nicht schnell genug. Nicht in diesem Kleid, nicht mit nackten Füßen, nicht mit dieser Wut und dieser Angst, die sich wie Blei an meine Beine klammerten. Ein eiserner Griff umschlang meinen Oberarm und ich schrie auf, versuchte mich loszureißen, trat mit der Ferse nach hinten.

„Du kleine Hexe!“ zischte der Soldat. Seine Finger bohrten sich in meine Haut, seine andere Hand griff nach meiner Kehle. Ich wand mich wie ein Tier, kratzte, trat, biss, aber er hielt mich fest, zerrte mich zurück auf den Platz. Die Dorfbewohner standen am Rand, manche noch auf den Knien, andere erhoben sich zögerlich. In ihren Gesichtern lag blankes Entsetzen. Nicht meinetwegen, das wusste ich. Sondern wegen all dem hier, diesem grotesken Auftreten der Wachen, dieser Brutalität eines Königs seinem Volk gegenüber.

Verstohlen sah ich in ihre Gesichter, ich kannte sie alle. Ich sah den alten Norik, der mir früher heimlich Gebäck zugesteckt hatte. Ich sah Lisa, die meine Mutter einmal gesund gepflegt hatte. Sie alle hielten die Hände vor den Mund, Tränen in den Augen.

„Hört auf!“ rief jemand. „Sie ist nur ein Kind!“

Doch niemand rührte sich. Was hätten sie tun sollen? Was hätten sie ausrichten können? Nichts vermutlich…

„Lasst sie in Ruhe!“

„Sie hat uns nie etwas getan!“

Doch der Hauptmann trat auf den Platz zurück, den Helm nun unter dem Arm, das Gesicht rot vor Wut und bedeckt mit Staub. Er warf mir einen kurzen, verächtlich Blick zu und drehte sich zu seinen Männern.

„Lasst die restlichen Ratten hier.“ Seine Stimme war kalt wie Stein. „Der König interessiert sich nicht für wertlose Bauern. Aber eine Hexe?“ Er lächelte schief. „Eine Hexe wird uns eine reiche Belohnung bescheren.“

Ich riss an den Armen der Wachen, die mich festhielten. Meine Schultern brannten, meine Stimme überschlug sich: „NEIN! Lasst mich los!“

Dann hörte ich sie. Mama.

„NEIN!“ schrie sie, riss sich los von den Wachen, die sie hielten. „NEIN! Nehmt MICH! Nicht sie! Bitte! Sie ist doch nur ein Kind! Bitte, ich flehe euch an!“

Sie stolperte über ihre eigenen Füße, versuchte, zu mir zu gelangen. Doch die Wachen packten sie, hielten sie zurück.

„Mama!“ Mein ganzer Körper schrie nach ihr. „MAMA!“

„Lasst sie gehen! Nehmt mich! Ich — ich bin schuld! Ich habe sie angestiftet! Ich … nehmt mich — bitte!“

Ich sah, wie sie sich wand, wie sie wirklich glaubte, sie könnten sie statt mir nehmen. Wie sie kämpfen wollte, mit ihren gebundenen Händen, ihrem verletzten Körper. Doch der Hauptmann trat zu ihr.

„Halts Maul.“

Dann schlug er zu, mit dem Handrücken, voller Wucht. Mamas Kopf flog zur Seite, ihr Körper sackte zusammen wie eine Stoffpuppe. Ich schrie, ein Geräusch, das ich nicht erkannte, nicht als meine Stimme. Ich trat um mich, versuchte, mich loszureißen, trat einem der Männer gegen das Knie, doch er schlug zurück und traf meine Rippen. Ich keuchte, spürte, wie mir schwarz vor Augen wurde.

„MAMA!“ Ich schrie immer wieder. „MAMA!“

Sie hob den Kopf. Ihr Gesicht war blutverschmiert. Und doch lächelte sie. Das Lächeln war schwach, doch ich wusste, sie lächelte nur für mich.

„Sei stark“, flüsterte sie. Ich las es nur von ihren Lippen, bevor die Soldaten mich fortzerrten. Fort von ihr. Fort von allem, was ich kannte. Sie schleppten mich zum Wagen, während meine Beine endgültig nachgaben. Ich trat gegen den Boden, ließ mich fallen, doch ihre Hände waren wie Eisen. Sie warfen mich auf die hölzerne Bank, die Tür fiel ins Schloss. Sofort stieg mir der Geruch von altem Eisen in die Nase, gefolgt von etwas Widerlichem. Die Räder setzten sich in Bewegung. Ich drehte mich noch einmal, versuchte, durch die schmalen Schlitze zu sehen – das Flackern der Flammen, die Rauchschwaden, ein letzter Blick auf Lavensbruch. Auf meine Mama.

Dann war alles nur noch ein Rütteln. Ein Wanken und Stille in mir. Ich vergrub das Gesicht in den Händen. Ich war allein. Und ich wusste: Lavensbruch war verloren und ich… ich war kein Kind mehr.